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Rekrutierung ohne Job-Interview: mit Online-Kursen möglich?

Das erste Unternehmen stellt jetzt Kandidaten mit Online-Zertifikat von Udacity ohne Vorstellungsgespräch ein. Wird das bald auch in Deutschland möglich?

Rekrutierung ohne Job-Interview: mit Online-Kursen möglich?
Foto: baranq/shutterstock

Ein wichtiges Thema bei Online-Kursen ist die Anerkennung von online erworbenen Kurszertifikaten durch potenzielle Arbeitgeber. 

Wie bewerten die rekrutierenden Unternehmen die Teilnahmebescheinigungen aus Online-Kursen im Bewerbungsprozess? Vor allem auch im Vergleich zu den Abschlüssen von etablierten Universitäten? 

Ein großes E-Commerce-Unternehmen gibt jetzt eine überraschende Antwort darauf: die Rekrutierung erfolgt dort ohne Job-Interview


Online-Kursanbieter setzen auf guten Ruf bei Arbeitgebern

Die großen MOOC-Plattformen setzen vor allem auf eine kontinuierlich steigende Bekanntheit ihrer qualitativ hochwertigen Online-Bildungsangebote. Je besser Arbeitgeber über die dort vermittelten Inhalte informiert sind, desto aussagekräftiger sind folglich die entsprechenden Kurszertifikate. 

Online-Zertifikate von Bewerbern werden so zunehmend von Arbeitgebern anerkannt.

Und auch die Einbindung von verifizierten Online-Abschlüssen in den digitalen Lebenslauf nimmt zu, z.B. beim Karrierenetzwerk LinkedIn. So wird aus den Online-Bescheinigungen zunehmend ein weithin akzeptierter Baustein in Bewerberprofilen.


Erstes Unternehmen rekrutiert jetzt ohne Bewerbungsgespräch

Beim indischen E-Commerce-Giganten Flipkart geht man jetzt allerdings noch einen Schritt weiter: 

Online-Kurszertifikate werden hier nicht nur als geeignet anerkannt. Bewerber mit entsprechenden Ergebnissen in den Online-Kursen bei Udacity werden seit Kurzem sogar ohne jegliches Vorstellungsgespräch direkt eingestellt.

Was aus der herkömmlichen Sichtweise von Personalverantwortlichen noch undenkbar erscheint, wird von den beiden High-Tech-Unternehmen aus den USA (Udacity) und Indien (Flipkart) bereits erfolgreich vorexerziert.

Steht uns also eine rein algorithmusgesteuerte Rekrutierungswelle bei Großunternehmen bevor?


Die besten Programmierer werden nur anhand von Daten ausgewählt

Das E-Commerce-Unternehmen Flipkart verriet vor Kurzem, dass man in Zusammenarbeit mit dem Online-Kursanbieter Udacity seit einigen Monaten Personaleinstellungen ohne Job-Interview vornimmt. Das Ganze nennt sich dann "Interviewless Hiring".

Worum geht es dabei genau?

Softwareentwickler und Programmierer, die bestimmte Online-Kurse bei Udacity belegt haben (sog. Nanodegree-Kurse), sollen in einem effizienteren Rekrutierungsprozess eingestellt werden. Neben den üblichen Lebenslaufunterlagen verlässt man sich dabei nur noch auf ein Teilnehmerprofil, das von Udacity zur Verfügung gestellt wird. Jobinterviews gibt es dann keine mehr.

"We elected to make critical hiring decisions based entirely on metadata contained in candidate profiles provided by Udacity", sagt Peeyush Ranjan, Chief Technology Officer bei Flipkart.

Nachdem im Januar 2016 die ersten Einstellungen auf dieser Basis vorgenommen wurden, sieht man sich inzwischen durch den Erfolg bestätigt. Denn die Udacity-Kandidaten zählen laut Unternehmensangaben heute mit zu den besten Android-Entwicklern bei Flipkart.


Schon immer mutig: das größte Online-Warenhaus aus Indien 

Wer oder was ist eigentlich "Flipkart"?

Das Online-Warenhaus ist der führende E-Commerce-Anbieter aus Indien und damit an mutige Experimente gewöhnt. Zwei ehemalige Amazon-Mitarbeiter gründeten das Unternehmen in 2007 mit einem Startkapital von wenigen tausend US-Dollar. Indem man die Besonderheiten des indischen Marktes clever erkannte (z.B. die geringe Verbreitung von Kreditkarten) und daher vor allem auf Lieferung gegen Barzahlung setzte, konnte man sich schnell gegen Amazon durchsetzen

Inzwischen führt Flipkart den E-Commerce-Markt in Indien an und erzielt dort mehr als 1 Mrd. USD Umsatz. In jüngster Zeit scheint sich der Wettbewerb am indischen E-Commerce-Markt zwischen Amazon, Flipkart und dem zweiten großen lokalen Anbieter Snapdeal weiter zuzuspitzen.

Jetzt will Flipkart offensichtlich auch im Rekrutierungsbereich innovative Signale setzen. Mit dem "Interviewless Hiring" leistet man nicht nur in Indien, sondern weltweit mutige Pionierarbeit.

Rekrutierung ohne Job-Interview: mit Online-Kursen möglich?
Bild: screenshot/flipkart

Deutscher Professor verändert die IT-Ausbildung

Das Online-Bildungshaus Udacity wurde vom deutschen Stanford-Professor Sebastian Thrun gegründet. Der Kursanbieter setzt auf Videokurse, die mit großen Unternehmen wie Facebook oder Google gemeinsam entwickelt werden. Der Schwerpunkt dabei sind Kursangebote im Bereich Informatik und Programmierung. Hier sieht sich der Anbieter aus dem Silicon Valley vorrangig als Online-Ausbilder für beruflich direkt verwertbare Fähigkeiten

Für umfassende Ausbildungsgänge hat Udacity dabei eigene Programme aufgesetzt:

In den "Nanodegree Programs" von Udacity wird in Partnerschaft mit Unternehmen auch die Bearbeitung von Projekten aus der Praxis ermöglicht. Dabei wird zielgerichtet auf bestimmte berufliche Fähigkeiten hingearbeitet und auch Unterstützung bei der Karriereplanung geboten. Eine "Geld-zurück-Garantie" für Teilnehmer, die später keinen Job finden, unterstreicht die Ernsthaftigkeit des hochwertigen Ausbildungsanspruchs (die Garantie ist bisher nur in den USA verfügbar). 

In 2016 kündigte Udacity an, verstärkt auch in Deutschland aktiv zu werden (alle Udacity-Kurse findest Du auch in unserem Verzeichnis).

Und was weiß Udacity über die Fähigkeiten seiner Kursteilnehmer?

Teilnehmer an Online-Kursen bei Udacity müssen selbst sehr aktiv den Lernprozess gestalten. Hier werden nicht nur passiv diverse Videokurse angesehen, sondern Projekte bearbeitet, Fragen diskutiert und interaktiv mit anderen zusammengearbeitet. Die daraus entstehenden Teilnehmer-Signale können von Udacity dann ausgewertet werden. Und nicht nur die Qualität oder Geschwindigkeit von Programmierfähigkeiten sind dabei messbar. Sogar bestimmte Soft Skills können digital ermittelt werden, z.B. über die Eigeninitiative der Teilnehmer, Interaktion mit anderen und die Gewissenhaftigkeit bei der Bearbeitung von Aufgaben.


Aber sind Einstellungen ohne Jobinterview überhaupt sinnvoll? 

Diese Frage liegt auf der Hand. Denn ungewöhnlich klingt die Idee des "Interviewless Hiring" sicher für jeden zunächst einmal. 

Dass zukünftige Kollegen sich vorher nie persönlich kennengelernt haben, mag man als eher unpersönlichen Prozess empfinden. Auch die Frage, ob man alle relevanten Einstellungskriterien überhaupt digital erfassen kann (ganz zu schweigen von damit zusammenhängenden Datenschutzaspekten) kommt einem spontan in den Sinn.

Viele Arbeitgeber würden sicher auch von sich sagen, dass sie sich das beste Bild von einem Kandidaten immer noch im persönlichen Gespräch machen können. 

Aber ist das wirklich so? Die klare Meinung von Flipkart und Udacity ist: nein


Zuverlässige Daten aus einem monatelangen Assessment Center

Zum einen wird argumentiert, dass die Signale eines Kandidaten über einen monatelangen Online-Kurs hinweg deutlich umfassender seien als ein kurzes Vorstellungsgespräch (mit oft größtenteils einstudierten Fragen und Antworten). Der langfristige Erfolg der Teilnehmer an einem Udacity-Kurs sage mehr aus als ein kurzes Gespräch.

Vergleichbar ist dies ja in etwa auch mit der Idee der konventionellen Assessment Center, bei denen Bewerber bei Problemlösungen live beobachtet werden. Nur dass dies bei Udacity eben elektronisch und über Wochen oder Monate hinweg geschieht.

Ein weiteres unterstützendes Argument lautet, dass die aus den Daten gewonnene Einschätzung wesentlich objektiver und zuverlässiger sei als die subjektive Wahrnehmung in einem Bewerbungsgespräch. Und in der Tat ist es ja so: wer selbst schon einmal Interviews mit Bewerbern geführt hat weiß, wie schwierig eine wirklich objektive Einschätzung auf der Basis eines Gesprächs in der Praxis ist. 


Mehr objektive Chancengleichheit im Auswahlprozess?

Möglicherweise spielen beim US-Anbieter Udacity auch die in den USA besonders wichtigen Motive wie Chancengleichheit und Vielfalt in der Personalauswahl (Diversity) eine gewisse Rolle. Denn je stärker auf objektive Auswahlkriterien (=Daten) bei der Rekrutierung gesetzt wird, desto weniger können persönliche Vorlieben oder gar Vorurteile die objektiv beste Auswahl verzerren.

Fakt ist jedenfalls: Wenn die Angaben von Flipkart stimmen (und nichts spricht dagegen), dann scheint das Modell dort voll aufzugehen. Die Udacity-Kandidaten aus dem "Interviewless Hiring" haben sich schließlich bereits in der Praxis bewährt.


Datenauswertung verändert die Personalauswahl

In vielen Bereichen der Gesellschaft verändern sich momentan durch die immer besseren Datenanalysen die Prozesse und Möglichkeiten. 

Im E-Learning-Umfeld wird es auf Basis der Auswertung von Daten der Lernenden beispielsweise immer besser möglich, über dieses Datenfeedback die Lehre datenbasiert zu verbessern (sog. Learning Analytics).

Und natürlich entstehen so auch im Bereich der Personalauswahl neue Möglichkeiten. Ob dies dann langfristig und flächendeckend Einstellungen ohne Vorstellungsgespräch zur Folge hat, bleibt abzuwarten:

  • Ein sinnvoller Einsatz des Interviewless Hiring ist vermutlich abhängig von der jeweiligen Position. Wenn der Vorteil guter Kandidaten vor allem auf deren technischen Fähigkeiten beruht, kann die datenbasierte Rekrutierung tendenziell eine größere Rolle spielen (wie eben bei den Programmierern von Flipkart).
  • Bei stärker persönlichkeitsabhängigen Rollen (z.B. Vertrieb oder Beratung) wird es wohl etwas schwieriger, digital alle relevanten Daten zu messen und auszuwerten. 
  • Da im Bereich der Online-Kurse jedoch sowieso noch die Informatik- und Technik-Inhalte überwiegen, entsteht hier auch der geeignete Ansatzpunkt für Modelle wie das von Udacity und Flipkart.
  • In Deutschland (und in anderen europäischen Ländern) beispielsweise wären sicher auch noch kulturelle Vorbehalte zu überwinden: Welcher deutsche Bewerber würde heute einen Job ohne vorheriges Gespräch antreten? Dies scheint momentan noch eher in der Konstellation eines indischen E-Commerce-Anbieters und einer US-Kursplattform realistisch.


Unser Fazit: 

Ein interessantes Experiment aus den innovativen Regionen der Welt, in Deutschland allerdings heute noch Zukunftsmusik. 

Aber vielleicht beginnen deutsche Arbeitgeber demnächst zumindest einmal mit ergänzenden datenbasierten Analysen (unter Berücksichtigung der relevanten Datenschutzaspekte)? Also nicht Daten "als Ersatz" für Vorstellungsgespräche, sondern "zur Ergänzung" – dann würden die Udacity-Daten erst einmal eher die herkömmlichen Schulzeugnisse in den Unterlagen der Bewerber ergänzen.


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22.08.2016